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Glühwürmchen im August

Wir gingen durch den Wald, es war die selbe Strecke wie fast jeden Tag und der Hund lief – die Nase an den Boden geheftet – vor uns her. Während auch die letzten Sonnenstrahlen erloschen, erreichten wir den Waldrand und beobachteten die Nebelwand, die sich langsam, aber stetig über die Wiese ausbreitete. Es war eine Szene, wie aus einem Film von Frank Darabont und ich konnte nicht sagen, ob die Gänsehaut von der Schönheit des Moments, oder der Kälte des Waldes ausgelöst wurde.

Als ich den Blick flüchtig über den Waldrand schweifen ließ, immer auf der Suche nach einem Reh oder Fuchs, sah ich es plötzlich. Zuerst dachte ich, meine Augen hätten mir einen Streich gespielt, doch plötzlich war es wieder da. Es glimmerte zwischen den verblühten Buschwindröschen und ich starrte wie gebannt auf diesen unscheinbaren, grünen Fleck. Bei näherer Betrachtung gab es keine Zweifel, ein Glühwürmchen hatte sich hierher verirrt. Fasziniert beobachtete ich das kleine Tier, das immer wieder pulsierend grün aufleuchtete. Von diesem Tag an, gingen wir jeden Abend an dieser Stelle des Waldes vorbei und jeden Tag bewunderten wir das leuchtende Insekt, dass sich scheinbar nicht von der Stelle bewegte.

Als ich einem Freund eines Tages von der magischen Begegnung im Wald erzählte, erfuhr ich die tragische Geschichte hinter den leuchtenden Wesen. Wenn ein Glühwürmchen von der Larve zum Käfer wird, frisst es nichts mehr, sondern ernährt sich nur von den Reserven, die es sich über Jahre hinweg angelegt hat. Es sitzt also dort am Waldrand und leuchtet, bis es seinen Partner findet, nur um kurz darauf zu sterben. Normalerweise sieht man sie nur im Juni und mit etwas Glück auch noch im Juli leuchten, aber im August war es schon sehr ungewöhnlich. Das bedeutete also, dass dieses kleine Kerlchen seit Wochen, ja vielleicht Monaten, auf seine große Liebe wartete, die noch nicht gekommen war. Man sagt, dass die Würmchen die ewig lebenden Seelen der Verstorbenen sind und ich fand, dass das ein sehr schöner Gedanke ist. Ich freute mich schon sehr auf unsere erneute Begegnung am Waldrand, die seit einer Woche fester Bestandteil des Spaziergangs geworden war. Ob unser Glühwürmchen seinen Partner noch gefunden hat? Wir wissen es nicht, aber am folgenden Tag erlosch sein Licht und wir sahen es nie wieder.

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